Martinslaternen

Sankt Martin ist das Thema. Die Buntglasfenster unserer „Schulkirche“ gaben die Anregung zur Gestaltung.

Der November und mit ihm das Sankt-Martins-Fest lagen in nicht mehr allzu weiter Ferne. Das jährliche Laternenbasteln drohte. Im vorangegangenen Schulgottesdienst der 2. Klassen waren die Gestaltung und die Darstellungsinhalte der Kirchenfenster thematisiert worden – und daraus ergab sich die Idee für die Gestaltung der Laternen.

Kirche St. Norbert in Lünen          weitere Abbildungen der Kirchenfenster mit Infos

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Auf diesem Buntglasfenster ist der Auszug aus Ägypten und der Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer dargestellt – äußerst abstrakt. Die beiden anderen Kirchenfenster lassen schon eher etwas erkennen, zum Beispiel den Fisch als Christus-Symbol und die aufgehende Sonne. Abbildungen hier

Im Unterricht hatten wir kürzlich schon den Begriff „abstrakte Kunst“ eingeführt (im Zusammenhang mit dem “ Schattenfangen „). Die dort entstandenen Bilder waren gänzlich gegenstandslos. Bei den Kirchenfenstern handelt es sich dagegen um abstrahierte, aber noch gegenstandsverbundene Darstellungen.

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So wie sich die Kirchenfenster inhaltlich auf die Kirche und den Glauben beziehen, sollten sich die Bildgegenstände unserer Martinslaternen natürlich auf Sankt Martin beziehen. Dazu erinnerten wir uns an die Martinsgeschichte, unterstützt durch die Betrachtung des zeitgenössischen Gemäldes „Sint Martin“ von Egbert Modderman aus der Groninger Martinikerk und des Martinsaltars aus dem Xantener Dom.

Die Kinder äußerten sich zu dem, was sie auf den Bildern sahen und woran sie sich im Zusammenhang mit dem Heiligen Martin erinnern konnten. Ich notierte dazu Stichwörter. Diese Stichwortliste diente dann als Sammlung von möglichen Bildgegenständen. Für jede der vier Seiten ihrer Laterne wählten die Kinder sich einen Bildgegenstand, ein Thema aus.

Aus Transparentpapier wurden Schnipsel gerissen. Aus den Schnipseln legten und klebten die Kinder das jeweilige Bild auf das Laternen-Pergamentpapier.

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Bei der Vorbesprechung der Technik fragte ein Mädchen: „Ist es dann schlimm, wenn das etwas blöd aussieht? Das kann ja dann nicht so aussehen wie zum Beispiel ein richtiges Pferd.“ Genau das war die Absicht: Dass man sich auch mit seltsam und ungelenk (=“blöd“) aussehenden Formen anfreunden kann und deren gegenständliche Bedeutung trotz ihrer nicht-naturalistischen Formen akzeptiert. Was nicht bedeuten soll, dass Abstraktion an sich aus einem Unvermögen entsteht, was aber doch den Blick toleranter machen soll, der sonst leicht nur eine naturalistische Darstellungsweise als Maß aller Kunstdinge ansieht.

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Wir arbeiten abstrakt, das heiß, man kann nicht unbedingt sofort etwas „erkennen“. Das ist also ganz normal und nicht schlimm. Kunst ist nicht immer genau wie die Wirklichkeit. Manchmal ist Kunst auch ein Rätsel. Wer sie anguckt, kann sich eigene Gedanken machen und vielleicht das Rätsel lösen. Wenn man das Rätsel erklärt bekommt, zum Beispiel vom Künstler selbst, dann sollte man aber schon die Darstellungsabsicht nachvollziehen können. Das bedeutet für die Kinder: Es muss nicht genau wie in Wirklichkeit sein, aber ein bisschen erkennen können soll man es dann doch, wenn erklärt bekommt, was es ist.

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IMGP5282_bUnsere Transparentpapierbilder unterschieden sich noch deutlich von den Kirchenfenstern durch die vielen schwarzen binnenstrukturierenden Linien. Was sind das für Linien? Ihre Funktion besteht darin, die einzelnen Glasstücke zu verbinden und den großen Glas-Paneelen, die ja ganze Wände ersetzen, Stabilität zu geben. Diese Stabilität brauchen unsere Laternenbilder eigentlich nicht.

Dennoch hatte ich ursprünglich geplant, die Linien als Gestaltungselement aufzugreifen, um auch formal die Verwandtschaft mit den Kirchenfenstern zu zeigen. Dies sollte durch Scherenschnitte geschehen, die über die Transparentpapierbilder gelegt werden. Dabei kann man versuchen, auch in die Scherenschnitte solche Formen zu schneiden, die mit dem Bildinhalt etwas zu tun haben.

Von diesem Vorhaben bin ich jedoch wieder abgekommen, nachdem die Transparentpapierbilder der Kinder fertig waren. Sie waren sehr gelungen, trotz gewisser Abstraktion doch unerwartet naturalistisch und teilweise auch kleinteilig. Ein darübergelegter Scherenschnitt hätte zu viel vom Motiv verdeckt. Auch wäre der Scherenschnitt optisch zu dominant gegenüber dem darunterliegenden Bild gewesen, wie Versuche zeigten. Darum verzichtete ich auf dieses Gestaltungselement.

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Auch bei dieser Laternengestaltung handelt es sich – trotz der inhaltlichen Füllung mit dem Bezug zum St.-Martins-Thema und trotz des formalen Bezugs zu den künstlerischen Glasfenstern der Kirche – in erster Linie um ein Bastelprojekt. Es entspricht meinem Anspruch an Kunstunterricht somit nur in Maßen. Andererseits ist dieser Kompromiss aus meiner Sicht immerhin besser als die übliche rein dekorative und vielfach schablonierte Bastelei im weiten Feld der Martinslaternen.

Beim nächsten Unterrichtsprojekt – den Marmeladenglas-Etiketten, inspiriert durch Alice im Wunderland – zeigte sich, dass die Martinslaternen-Unterrichtsreihe lernwirksamer war als erwartet: Ein Junge griff die Gestaltungsweise und das Prinzip „abstrakte Kunst“ selbstständig auf und nutzte es für die Gestaltung seines Etiketts! Das ist doch genau das, was man sich als „Frucht“ des Kunstunterrichts erhofft: dass die Kinder das Gelernte selbstbestimmt in neuen Zusammenhängen nutzen.

© Unterrichtsidee: Nicola Rother 2017

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